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Als er die Patienten aufsuchte, sagt
sie ihm, daß sie, als sie den Umschlag in Händen hielt,
plötzlich den ganzen Satz vor sich gesehen habe, ohne einzelne Wörter
zu unterscheiden. Auf jeden Fall verursachte ihr das Kopfweh, aber Ihr Interesse
war genügend geweckt, so daß sie Chowrins Vorschlag, weitere
Experimente durchzuführen, annahm.
Das nächste, unter strengeren
Vorsichtsmaßnahmen durchgeführte Experiment lieferte nicht weniger
überzeugende Resultate.
Diesen zwei erfolgreichen Leseversuchen
schloß sich eine Reihe von Experimenten an, die so strikt kontrolliert
waren, daß Chowrin zum Schluß kam: „Sophia Alexandrowna
besitzt eine einzigartige Fähigkeit, nämlich eine
außergewöhnliche Schärfe gewisser Sinnesorgane, die sie instand
setzt, Sinneseindrücke aus Quellen zu erhalten, durch die normale Menschen
nicht affiziert werden.“
Aber noch immer zögerte Chowrin,
seine Experimente sogar seinen eigenen Kollegen bekanntzugeben, und zwar
hauptsächlich deshalb, weil die Umschläge mitunter mehrere Stunden in
Sophias Besitz waren. Deshalb bat er sie um ihre Einwilligung, die Versucher in
Gegenwart anderer Forscher durchzuführen. Auch fragte er sie, warum sie es
vorziehe, das lesen der Briefe in der Abgeschlossenheit ihres Zimmers
vorzunehmen. Sophia antwortete mit einer schriftlichen Stellungnahme, die nicht
nur für sie, sonder auch für viel andere Sensitive
charakteristisch ist:
„Wenn ich einen solchen Umschlag
erhalte und aufgefordert werde, den darin eingeschlossenen Brief zu lesen...,
dann verspüre ich ein starkes Bedürfnis, allein zu sein, ohne Licht
und ohne jedes Geräusch; ich ertrage dann die Gegenwart von Fremden nicht;
ihre Bewegungen, sogar ihr Atem stört meine
Konzentration.“
Obgleich Sophia anfänglich keine
Versuche mit anderen Forschern durchführe wollte, konnte Chowrin sie doch
dazu überreden, an einer Anzahl von Versuchen mit verschiedenen Medizinern
teilzunehmen.
Indessen beobachtete Chowrin, daß
Sophia allmählich einzelne Wörter des verschlossenen Textes nicht mehr
erriet oder las, sondern die Fähigkeit entwickelte, Bilder, die sich auf
ihn bezogen, zu sehen, und das häufig erstaunlich
detailliert.
Nach einer langen Reihe erfolgreicher
Versuche mit versiegelten Texten, die erst in ihrem eigenen Zimmer, später
in Chowrins Büro durchgeführt wurden, begann er, Sophias
psychometrische Fähigkeiten zu testen, dann ihre Fähigkeiten, Farben
mittels des Tastsinns zu erkennen und schließlich die, verschiedene
Geschmacks-eindrücke zu unterscheiden, aber nicht vermittels des
Geschmacks-sinns, sondern indem man mit verschiedenen geruch - und farblosen
Flüssigkeiten getränkte Watte auf die Haut ihrer rechten Hand oder
zwischen die Finger legte. All diese Versuche ergaben in der Regel positive
Ergebnisse; nur ein unbedeutender Prozentsatz fiel unbestimmt oder negativ
aus.
Was übrigbleibt, ist die nackte
Tatsache, daß Sophia Alexandrowna hellseherisch begabt war. Das ist eine
physiologische oder psychologische Begabung oder beides zusammen oder keines von
beiden – bis heute weiß das niemand, und wie lange man noch auf die
richtige Antwort wird warten müssen.
LITERATUR:
Heinz Dirks; Psychologie – eine
modene Seelenkunde
Martin Ebon; PSI in der UdSSR, Religion
ohne Kreuz
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