| |
Die Frau, die
verschlossene Briefe lesen konnte
Bei seiner täglichen Visite im
psychiatrischen Krankenhaus der russischen Stadt Tambow blieb Dr.A.N. Chowrin
eines Tages stehen, um mit einer Patientin, der 34 Jahre alten Sophia
Alexandrowna, zu plaudern. Sie war eine Frau von lebhafter Intelligenz und
ehemalige Vorsteherin einer Mädchenschule. Ins Krankenhaus war sie wegen
einer milden Form von Hystero-Epilepsie eingeliefert worden. An diesem
Tag war sie ohne alle Beschwerden und bei guter Laune – bis ihr die
Krankenschwester einen Brief brachte. Sie befühlte ihn kurz in Chowrins
Gegenwart und begann zu weinen. Als er sie fragte, was sie bekümmere,
antwortete sie: „Meine Schwester schreibt, sie habe soeben ihren kleinen
Jungen verloren und sei selber sehr krank.“ Obgleich gegenüber
wunderlichen Behauptungen ziemlich abgebrüht, bat der Psychiater, den Brief
zu sehen, nachdem er geöffnet worden war – Sophia hatte in jeder
Einzelheit recht! Chowrin wollte den Vorfall als eine ungewöhnliche
Koinzidenz abzutun, aber Sophie sagte: „Ich weiß häufig, was in
den Briefen meiner Verwandten steht, bevor ich sie
öffne.“
Er entschloß sich, ihre
anscheinend hellseherische Begabung einer Reihe von Tests zu unterziehen. Und so
begann am 21. März 1892 eine Versuchsreihe, die seither in den Annalen der
Parapsychologie unter dem Namen „der Fall Chowrin“ bekannt geworden
ist. Während all dieser Tests und sogar danach bewahrte Chowrin
gegenüber den verblüffenden Fähigkeiten Sophias eine distanzierte
und skeptische Haltung. Ihre einzigartigen Begabung konnte er beobachten, aber
er traute kaum seinen eigenen Augen und Ohren. Seine wissenschaftlichen Kollegen
waren sogar noch weniger bereit, Sophias hellseherische Fähigkeiten glauben
zu schenken.
Beim ersten, einfachen Versuch nahm
Chowrin ein halbes Blatt Papier, schrieb einen Satz darauf, faltete es doppelt,
verschloß es in einem gewöhnlichen Umschlag und bat die Patientin, zu
lesen, was er geschrieben hatte. Zuerst weigerte sie sich, doch
schließlich nahm sie den Brief und begann dich auf Chowrins Bitte darauf
zu konzentrieren, indem sie den Umschlag mit ihren Fingern befühlte. Nach
zwei oder drei Minuten sagte sie: „ Ich meine die Wörter Sophia
Alexandrowna zu sehen und noch einige andere, aber ich bin zu müde, um
weiterzumachen.“
Chowrin sah ein, daß es nicht ratsam
sei, sie zu ermüden. Da sie die ersten zwei Wörter aber erraten hatte,
überließ er ihr den Brief und sagte, daß sie ihm morgen mitteilen
solle, ob sie den Rest lesen konnte. Nach einiger Zeit schickte sie den
Brief zurück. Auf den Umschlag hatte sie mit Bleistift gekritzelt: „Sophia
Alexandrowna, Sie sollten gesund werden“ – genau das, was er selbst
geschrieben hatte. Mit einer Lupe versuchte er, Spuren zu entdecken, die darauf
hingedeutet hätten, daß der Umschlag geöffnet worden war, aber
er fand keine, und er konnte auch nicht durch den Umschlag durchsehen, wenn
er ihn gegen das Licht hielt.
|
| |
|
|